Wabi-Sabi – keine Fototechnik, sondern eher eine Anschauung

Wabi-Sabi – was ist das?
Maren Rother und Gerd Fey haben versucht, sich dem ästhetischen Konzept aus Japan anzunähern und es für europäische Fotografen  ansatzweise zu erläutern. Anschließend wurde Wabi-Sabi als Monatsthema von den Mitgliedern des Foto Forums Lübeck aufgegriffen.

Wir leben in einer fast perfekten Welt, alles Störende wird entfernt, alles soll möglichst makellos sein. So suggeriert es uns die Werbung.
Dabei bleibt die Individualität, die eigene Sichtweise manchmal auf der Strecke.
Im Wabi-Sabi werden Dinge, Motive und Kompositionen aber erst zu etwas Besonderem durch die Benutzung, durch die Spuren der Zeit, was sie einzigartig und wertvoll werden lässt. So sind auch Fehler im Wabi-Sabi willkommen um die Schönheit des Unvollkommenen zu erkennen.

Motive beim Wabi-Sabi sind meist natürlichen Ursprungs.
Bei der Komposition herrschen einfache, reduzierte Gestaltungen vor, gedämpfte Farben,  bewusster Einsatz von Schatten als tragende Bildbestandteile, Asymmetrie, eher Leere als ein Zuviel, Verzicht auf Überflüssiges.
Durch die Beschäftigung mit Wabi-Sabi schärft sich das Bewusstsein für Raum, Weite und Stille.

 

Wabi-Sabi verzichtet auf Vollkommenheit.
Statt dessen schaffen Andeutungen und Assoziationen Freiraum für Kreativität. Es ist eine ruhige, leise Art zu fotografieren.
Wabi-Sabi stellt die Idee, das Konzept stärker in den Mittelpunkt der Betrachtung. Es soll uns ermöglichen, uns von zu viel Kontrolle und den Erwartung anderer zu lösen und viel mehr das zu fotografieren, was aus unserem Inneren kommt und unsere Persönlichkeit wiederspiegelt.

Oft behindert ein zu hoher Anspruch an das perfekte Bild die eigene Fotografie. Dadurch ensteht Frust, Unzufriedenheit und führt zu Blockaden. Sabi Objekte sind durch natürliche Prozesse gealtert, unprätentiös. Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen, nichts ist perfekt. Das beinhaltet eine sanfte Traurigkeit.
Wabi-Sabi lädt ein, die Schönheit des Unauffälligen und leicht zu Übersehenden wahrzunehmen und nicht an das zu Schaffende zu denken, den Geist zu leeren, die Gedanken von all dem zu lösen. Ein ausgeglichener, meditativer Zustand der Ruhe ist eine Basis für die Wabi-Sabi Fotografie.

Wichtig ist nicht das perfekte Foto, sondern Ausdruck und Tiefe, die dem Bild innewohnen.
Aus Fotografie wird Poesie aus Lichtflecken, Unschärfe, Schatten, Leidenschaft, Inspiration, Emotion, Empathie, Anmut.
Es geht nicht um das Motiv selbst, sondern darum, meine eigene Beziehung zu dem Motiv darzustellen.

Wabi-Sabi ist die Kunst der Wahrnehmung und der entschleunigten Fotografie – Motive und Bildsprache sind daher geprägt von Reduktion. Fotografische „Fehler“ werden nicht eliminiert, sondern in das Bild mit einbezogen. Zum Teil werden Unzulänglichkeiten bewusst eingebaut, um zu ermöglichen, dass ein Bild den Betrachter ähnlich emotional berührt, wie der Fotograf es empfunden hat.

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Betrachtungsweisen, Kategorisierungen und Interpretationen von Wabi-Sabi. Dadurch ist es schwierig, dieses Konzept, das zudem nicht aus unserem Kulturkreis stammt, in Fotos zu erkennen.
Will man sich damit beschäftigen, kann ein erster Ansatz sein, sehr persönlich zu fotografieren und ganz ohne Druck, die eigenen Fotos mit denen von anderen messen zu müssen.

Die Eigenschaften des Wabi-Sabi kurz zusammengefasst:

  • schlicht
  • einfach
  • grob
  • ungestaltet

Die sechs Prinzipien:

  • Vergänglichkeit
  • Imperfektion
  • Unvollständigkeit
  • Natürlichkeit
  • Simplizität
  • Unergründlichkeit

Allen diesen Faktoren soll die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt werden – sie sind Symbole für Wabi-Sabi.

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